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Kulturhaltestelle Dialoge
Juni 2026 mit Miako Klein

Deine Arbeit bewegt sich zwischen Alter Musik, zeitgenössischer Musik, Improvisation und Performance. Was verbindet diese unterschiedlichen Welten für dich? 

Für mich verbindet diese Bereiche eine gemeinsame Sprache, die Freiheit und Freiräume zulässt. Alte Musik erscheint uns heute oft fremd, allein aufgrund der zeitlichen Distanz. Wir versuchen zwar, uns einer authentischen Interpretation anzunähern, wissen aber letztlich nicht, wie diese Musik tatsächlich geklungen hat. Hinzu kommt, dass vieles damals gar nicht notiert wurde. Musiker verfügten über Konventionen und improvisatorische Fähigkeiten, die selbstverständlich waren und nicht aufgeschrieben werden mussten.

 

Improvisation war ein wesentlicher Bestandteil des Musizierens. Dadurch kann Alte Musik auf uns manchmal ebenso abstrakt wirken wie ein zeitgenössisches Werk. Genau diese Mischung aus Offenheit, improvisatorischem Freiraum und einer gewissen Unbestimmtheit fasziniert mich. Sie erlaubt es, sich Musik persönlich anzueignen und eine eigene Beziehung zu ihr zu entwickeln. Darin liegt für mich die Brücke zwischen diesen Welten. 

Viele deiner Projekte hinterfragen klassische Konzertformate. Was vermisst du an traditionellen Konzerten und was möchtest du dem Publikum stattdessen ermöglichen? 

Mich interessiert vor allem die Frage, wie Musik erlebt wird. In traditionellen Konzerten gibt es oft eine klare Trennung zwischen Bühne und Publikum. Die Musik wird präsentiert, die Zuhörenden bleiben Beobachter.

 

Ich möchte Räume schaffen, die sich für das Publikum öffnen und in die die Zuhörenden eingeladen werden. Es geht mir um Unmittelbarkeit und gemeinsame Erfahrung. Wenn das gelingt, entsteht etwas, das über die reine Aufführung hinausgeht: ein gemeinsamer Moment, unabhängig davon, ob man auf oder vor der Bühne sitzt. In solchen Augenblicken verliert auch die Frage nach dem Genre an Bedeutung. 

Mit „Bewusst Hören“ schaffst du einen Raum zwischen Konzert, Meditation und Performance. Welche persönlichen Ideen möchtest du diesem Format hinzufügen? 

Für mich steht dabei die Erfahrung des Hörens selbst im Mittelpunkt. Ich möchte einen Raum schaffen, in dem Menschen ohne Erwartungen hören können, aufmerksam, offen und mit Zeit. Es geht weniger darum, Musik zu konsumieren, als vielmehr darum, ihr zu begegnen und sich von ihr berühren zu lassen. 

Was bedeutet bewusstes Hören für dich persönlich? Hat sich dein eigenes Hören im Laufe der Jahre verändert? 

Ja, definitiv. Die Zeit scheint immer schneller zu werden. Wir sind permanent von Informationen, Bildern und Klängen umgeben. Ich erwische mich selbst dabei, in Musik nur noch nebenbei reinzuhören, während ich gleichzeitig zehn andere Dinge erledige.

 

Bewusst zuzuhören ist heute alles andere als selbstverständlich – sei es in einem Gespräch mit anderen Menschen oder beim Hören von Musik. Deshalb sind Momente, in denen wir uns ganz auf etwas einlassen können, für mich besonders wertvoll. 

Natürlich hat sich auch mein eigenes Hören verändert. Ich glaube, Hören ist immer eine Art Spiegel dessen, wo wir gerade im Leben stehen. Wie wir uns fühlen, was uns beschäftigt, welche Erfahrungen wir gemacht haben, all das beeinflusst die Art, wie wir zuhören. 

In einer Zeit permanenter Reizüberflutung erscheint Aufmerksamkeit fast wie eine knappe Ressource. Welche Rolle kann Musik dabei spielen, Menschen wieder in einen konzentrierten Kontakt mit sich selbst und ihrer Umgebung zu bringen? 

Musik besteht letztlich aus Schwingungen und Klangwellen, die uns umgeben und durchdringen. Sie hat die Fähigkeit, uns tief zu berühren und etwas in uns in Bewegung zu setzen. Gerade deshalb kann Musik einen Raum eröffnen, in dem wir wieder in Kontakt mit uns selbst treten und zugleich mit anderen Menschen. Sie kann Aufmerksamkeit bündeln und uns für einen Moment aus dem Strom der permanenten Reize herauslösen. 

Du arbeitest häufig improvisatorisch. Was reizt dich an Situationen, in denen nicht alles vorher festgelegt ist? 

Improvisation schenkt mir eine große Freiheit. Ich muss mich nicht auf richtige oder falsche Töne konzentrieren, sondern kann mich ganz darauf einlassen, was ich in dem Moment ausdrücken möchte. Ich kann eins werden mit meinem Instrument und zuhören, meinen Mitspielern oder meiner Umgebung und mir selbst. Oft weiß ich zu Beginn gar nicht genau, wohin die Musik führen wird. Ich folge meiner Intuition und treffe Entscheidungen aus dem Moment heraus. Gleichzeitig bedeutet Improvisation keineswegs Beliebigkeit. Erfahrung, Reflexion und ein Gespür für Form spielen immer eine Rolle – manchmal auf Basis eines vorab entwickelten Konzepts, manchmal vollständig in Echtzeit. 

Welche Erfahrungen machen Menschen in deinen Formaten, die dich immer wieder überraschen oder berühren? 

Viele Menschen erzählen mir, dass sie während der Musik Bilder sehen oder innere Geschichten erleben. Andere berichten, dass sie von bestimmten Klängen tief berührt wurden oder etwas wahrgenommen haben, das sie so noch nie erlebt hatten. Solche Rückmeldungen freuen mich sehr. Es ist mir wichtig, Menschen neue Erfahrungen zu ermöglichen und ihnen Türen zu Klangwelten zu öffnen, die sie vielleicht noch nicht kannten. 

Du bewegst dich selbstverständlich zwischen verschiedenen Disziplinen und Kontexten. Siehst du darin eine Notwendigkeit für zeitgenössische künstlerische Praxis oder eher eine persönliche künstlerische Haltung? 

Ich glaube, das hat vor allem mit meiner Persönlichkeit zu tun. Ich habe viele Interessen und war immer neugierig was neues auszuprobieren. Auf meinem Weg habe ich vieles ausprobiert, was mir begegnet ist und habe immer versucht, meine Sache so gut wie ich kann zu machen. Es war immer eine Mischung aus „Go with the flow“ und eine bewusste Entscheidung, die ich verfolgte. Lange hatte ich das Gefühl, zwischen verschiedenen Welten und Disziplinen zu stehen. Heute sehe ich darin eher eine Stärke und einen wesentlichen Teil meiner künstlerischen Identität. 

Hat sich dein Blick auf Zeit, Präsenz, Kreativität oder künstlerische Arbeit durch das Muttersein verändert? Falls ja, in welcher Weise? 

Oh ja, sehr sogar. Zeit hat plötzlich eine völlig andere Bedeutung bekommen. Freie Zeit im Sinne von offenem Raum, in dem Ideen langsam wachsen können, ist selten geworden. Dadurch arbeite ich oft pragmatischer als früher. Das klingt zunächst vielleicht wenig künstlerisch, hat aber auch Vorteile: Ich komme schneller ins Tun und verliere mich weniger in Perfektionismus. Oft fühle ich mich nicht ausreichend vorbereitet, aber gerade deshalb muss ich meiner Kreativität und meiner Intuition vertrauen. Gleichzeitig hat das Muttersein mir eine neue Gelassenheit geschenkt. Vieles relativiert sich, und dadurch entsteht eine andere Form von Spielfreude und Freiheit. Natürlich verändert sich auch das ständig mit den verschiedenen Lebensphasen der Kinder. 

Worauf dürfen sich die Besucher bei „Bewusst Hören“ auf unserem Festival besonders freuen? 

Auf neue Klänge, auf intensive Hörerfahrungen und auf einen Raum, in dem man für eine Weile ganz im Moment sein darf. 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was inspiriert dich derzeit musikalisch, künstlerisch oder ganz allgemein? 

Das ist sehr unterschiedlich. Oft sind es visuelle Eindrücke, die mich inspirieren – Architektur, Installationen oder besondere Räume. Aber genauso können es Texte, einzelne Sätze, Bilder oder Begegnungen mit Menschen sein. Vielleicht suche ich letztlich immer nach Momenten der Kontemplation. Solche Räume finde ich im Alltag nicht allzu häufig, und in einer Welt, die Kopf steht, werden sie für mich umso wertvoller. Wahrscheinlich ist genau diese Suche nach Konzentration, Stille und Aufmerksamkeit auch etwas, das sich in meiner künstlerischen Arbeit widerspiegelt. 

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