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Kulturhaltestelle Dialoge
Dezember 2025 mit Niklas Carlsson

Du arbeitest seit Jahrzehnten gleichzeitig als Künstler, Festivalmacher und Netzwerker. Wenn du von außen auf deine Arbeit blickst: Was ist der rote Faden, der all diese Tätigkeiten verbindet?

Die naheliegendste Antwort wäre wahrscheinlich Kreativität, Kunst und kulturelle Arbeit, aber das ist zu einfach. Meine eigentliche Leidenschaft ist es, Kunst zu machen, zu schaffen und Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn ich wählen könnte, würde ich deutlich mehr Zeit in meine künstlerische Arbeit investieren. Das ist allerdings nicht möglich, weil ich davon nicht vollständig leben kann. Zumindest nicht von der Kunst, die ich wirklich machen möchte, da sie weder kommerziell ist noch von der aktuellen Kulturpolitik als förderwürdig betrachtet wird.

Ich würde mich als einen dieser Künstler bezeichnen, die sagen können: Wir waren unabhängig, wir haben es selbst gemacht. Wobei „Do It Together“ für mich eine deutlich treffendere Beschreibung dieses Weges ist als die romantisierte Idee von „Do It Yourself“. Um in diesem Feld als Kulturschaffender arbeiten zu können, müssen die meisten von uns mehrere Tätigkeiten parallel ausüben, um ein stabiles Einkommen zu haben.

Ich habe zum Beispiel einige Jahre als Tontechniker, Produzent und Mixer gearbeitet, außerdem als Fotograf und Filmemacher. Vieles davon war Lernen von anderen aus der Szene und Lernen durch Praxis. Wir mussten auch unsere eigenen Veranstaltungen organisieren, wodurch ich mich vom kleinen Underground-Clubveranstalter bis hin zu Großevents entwickelt habe, an denen tausende Menschen im gesamten Stadtzentrum beteiligt waren. Netzwerke und Zusammenarbeit spielen dabei eine zentrale Rolle. Daraus entstand auch meine Arbeit in der Weiterbildung von Veranstalterinnen und Veranstaltern und schließlich meine Tätigkeit in nationalen, gemeinnützigen Kulturorganisationen. Gleichzeitig arbeite ich bis heute nebenbei weiter künstlerisch und als Sound Engineer.

Alles, was ich tue, hat mit Kreativität zu tun, aber ebenso sehr mit dem Wunsch, andere zu unterstützen. Die Erfahrung, wie schwierig es für viele unabhängige Kulturschaffende und Organisationen ist, hat mich dazu gebracht, mich für Veränderungen einzusetzen. Mich treibt die Hoffnung an, dass es möglich ist, Strukturen zu schaffen, in denen zukünftige Generationen weniger Hindernisse überwinden müssen und mehr Zeit haben, tatsächlich Kunst zu machen und das auf eine nachhaltige Weise.

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Uma Obscura versteht sich als ko-kreiertes Festival und als Feier von Subkulturen. Was bedeutet Subkultur für dich heute, jenseits von Stil oder Szene?

Der Begriff Subkultur ist sehr weit gefasst. Für mich ist es wichtig, ihn im Kontext von Kunst und kulturellem Leben zu betrachten und nicht primär als Gegensatz zur Gesellschaft insgesamt. Subkultur bedeutet, Normen herauszufordern. Sie ist jedoch nichts, was aus der Gesellschaft oder aus kulturpolitischen Zusammenhängen ausgeschlossen werden sollte. Im Gegenteil. Subkulturen sind notwendig und ein zentraler Bestandteil eines gesunden kulturellen Ökosystems. Deshalb müssen wir auch fragen, wie diese Räume konkret ermöglicht werden können.

Mit Uma Obscura versuchen wir, für ein paar Tage die Norm umzudrehen. Alternative Kunst und alternative Künstlerinnen und Künstler stehen im Mittelpunkt und bekommen einen Rahmen, in dem hochwertige Arbeiten möglich sind. Für mich ist das ein Statement und ein Beweis dafür, dass es funktionieren kann.

Subkultur bedeutet für mich die Freiheit, anders zu denken, Normen zu hinterfragen und sich ausdrücken zu können. Sie muss sich ständig verändern und weiterentwickeln. Gleichzeitig kann sie Teil einer Lebensweise oder sogar Teil unseres kulturellen Erbes werden. Manchmal werden subkulturelle Ausdrucksformen Teil des Mainstreams. Genau so entwickelt sich Kultur. Sobald das passiert, entsteht wieder etwas Neues. Dieser Prozess sollte nicht verhindert, sondern angenommen werden. Neugier und Mitgefühl sind dabei entscheidend.

Subkultur ist und muss etwas sein, das sich ständig verändert und weiterentwickelt, auch wenn sie zugleich etwas Dauerhafteres werden kann, eine Lebensweise oder ein Teil unseres kulturellen Erbes. Manchmal werden Subkulturen mehr oder weniger Teil der Hegemonie, und genau so entwickelt sich Kultur. Das Schöne daran ist, dass in dem Moment, in dem das geschieht, wieder etwas Neues entsteht.

Der Fokus von Uma Obscura liegt auf dem, was wir alternative Subkulturen nennen. Dafür gibt es keine klare Definition, aber oft lassen sich Bezüge zu Genres wie Goth, New Wave oder Post-Punk erkennen. Gleichzeitig ist Uma Obscura kein reines Musikfestival. Tanz, Ausstellungen und andere Formate spielen eine ebenso wichtige Rolle. In diesem Sinne ist es eher ein Kunstfestival und vielleicht auch eine Art Lebensstilfestival.

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Das Festival hat Pausen, Ortswechsel und unterschiedliche Formate erlebt. Was haben dich diese Brüche über Nachhaltigkeit in der Kulturarbeit gelehrt?

Der Weg des Festivals war von Veränderung geprägt. Es begann 2008 als Open-Air-Festival unter einem anderen Namen und durchlief 2014 eine grundlegende Metamorphose, in deren Zuge es zu Uma Obscura wurde. Diese Entwicklung entstand aus dem Bedürfnis, sich künstlerisch und strukturell weiterzuentwickeln. Gleichzeitig waren wir wiederholt gezwungen, das Festival aufgrund unzureichender Finanzierung zu pausieren. In einem Fall bedeutete dies sogar, das Festival für ein Jahr ruhend zu stellen. Im Vergleich zu allen Festivals in unserer Stadt erhält Uma Obscura den zweitniedrigsten Umfang an Fördermitteln. Die Pandemie führte später zu einer weiteren erzwungenen Pause, die wir wie viele andere überstehen mussten.

Eine weitere große Herausforderung sind die Veranstaltungsorte. Hohe Mietkosten bei gleichzeitig geringeren Fördermitteln als bei den meisten anderen Kunstfestivals in der Stadt ergeben eine extrem schwierige Ausgangslage. Ein großer Teil unseres Budgets fließt in Miete und Technik. Dadurch bleibt weniger Spielraum für Künstlerhonorare, künstlerische Leitung oder Marketing. Gleichzeitig wollen wir keine Abstriche bei Qualität, Arbeitsbedingungen und Gastfreundschaft machen.

Das ist oft frustrierend, insbesondere wenn man weiß, dass man kulturpolitisch marginalisiert wird. Was ich gelernt habe, ist, dass es sehr wichtig ist, sich für Veränderungen in der Kulturpolitik und den kulturpolitischen Rahmenbedingungen einzusetzen, um es Veranstaltern nachhaltiger zu ermöglichen, Festivals, Clubs und Veranstaltungen zu betreiben. Dadurch entstehen zugleich mehr Möglichkeiten und bessere Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler aller Genres.

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Kontaktnätet ist basisnah, demokratisch und gemeinnützig organisiert. Welche Werte müssen Kulturorganisationen heute aktiv verteidigen, statt sie als selbstverständlich anzusehen?

Kontaktnätet ist, wie viele nationale Kulturorganisationen in Schweden, als demokratisch organisierte, gemeinnützige NGO aufgebaut. Wir fungieren als Unterstützungsstruktur für unsere Mitglieder, von denen viele lokale, nicht-kommerzielle Konzertveranstalter sind. Die Nähe zur Basis bedeutet auch, täglich mit Herausforderungen konfrontiert zu sein, die innerhalb etablierter kulturpolitischer Strukturen oft kaum wahrgenommen werden. Wir sehen, wie unsere Mitgliedsorganisationen zunehmend marginalisiert und aus kulturpolitischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen werden.

Diese Arbeit macht deutlich, wie wichtig es ist, Demokratie sowie gemeinnützige und demokratisch organisierte Strukturen aktiv zu verteidigen. Sie bilden eine zentrale Grundlage für unabhängige Kulturarbeit in Schweden, historisch wie gegenwärtig. Damit sind unmittelbar die Freiheit der Kunst, die Meinungsfreiheit und die Ausdrucksfreiheit verbunden. Damit diese Strukturen bestehen können, braucht es inklusive Förderpolitiken. Zu oft wird angenommen, es sei egal, wer Künstlerinnen und Künstler beschäftigt, solange sie bezahlt werden. Dem widerspreche ich entschieden. Wer die Strukturen der kulturellen Produktion kontrolliert, prägt Arbeitsbedingungen, künstlerische Freiheit und Nachhaltigkeit.

In Schweden wie in vielen anderen europäischen Ländern fließt ein Großteil der öffentlichen Mittel in institutionalisierte Hochkultur, während der Markt von kommerziellen Großunternehmen dominiert wird. Ein erheblicher Teil des kulturellen Feldes bewegt sich jedoch außerhalb dieser beiden Pole. Deshalb brauchen wir eine dritte Option. Mittel müssen gezielt in unabhängige, gemeinnützige Strukturen fließen. Das entspricht den zentralen Werten von Kontaktnätet. Wir sind alle Teil eines Puzzles und wir brauchen einander.

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Du kennst das kulturelle Feld aus vielen Perspektiven. Wo siehst du die größten Missverständnisse zwischen Künstlern, Veranstaltern und Förderstrukturen?

Alle diese Akteure sind Teil eines komplexen Systems. Es gibt viele unterschiedliche Formen von Missverständnissen, und das, was ich eher als Kommunikationsprobleme bezeichnen würde, entsteht häufig aus Ressourcenknappheit und führt zu Situationen, die weit von optimalen Bedingungen entfernt sind, um es vorsichtig zu sagen.

Große Teile des Kulturbereichs, insbesondere subkulturelle Szenen, leiden unter chronischer Unterfinanzierung. Gleichzeitig stehen auch Förderinstitutionen unter finanziellen Einschränkungen, vor allem im staatlichen Bereich. Selbst wenn Fachwissen vorhanden ist, fehlen häufig entweder ausreichende Mittel oder passende Richtlinien, um diese sinnvoll zu verteilen.

Hinzu kommt, dass viele Förderstrukturen an starre Vorgaben und Antragslogiken gebunden sind, die stark von New Public Management geprägt sind. Dadurch entsteht eine Distanz zur tatsächlichen Praxis kultureller Arbeit.

Ein Beispiel für ein Missverständnis liegt in den unterschiedlichen Logiken von Organisationsformen. Kommerzielle Veranstalter verfolgen wirtschaftliche Interessen und haben andere Anreizstrukturen als gemeinnützige Organisationen. Non-Profit-Veranstalter haben weder Eigentümer noch Anteilseigner zufriedenzustellen. Ich habe noch nie einen nicht-kommerziellen Konzertveranstalter getroffen, der Künstler nicht fair bezahlen wollte. Wenn Künstler oder ihre Agenturen diese Unterschiede nicht kennen, wirkt sich das direkt auf Verhandlungen und Zusammenarbeit aus.

Ein weiteres Beispiel ist, dass Missverständnisse generell in beide Richtungen wirken. Veranstalter profitieren davon, die Bedürfnisse von Künstlern besser zu verstehen. Umgekehrt hilft es Künstlern, die realen Möglichkeiten von Veranstaltern zu kennen. Besonders problematisch wird es, wenn Förderstellen nicht zwischen kommerziellen und gemeinnützigen Strukturen unterscheiden oder beide gegeneinander in Konkurrenz setzen. Das verstärkt bestehende Ungleichgewichte.

 

Deine eigene künstlerische Praxis bewegt sich zwischen Musik, Konzept und Performance. Wie beeinflusst das deine Arbeit als Kurator und Organisator?

Ich glaube, dass mir meine künstlerische Praxis hilft, Menschen auf ein gemeinsames Ziel hinzuführen und kollaborative Prozesse zu begleiten. In der Band, deren Teil ich bin, bin ich in den gesamten Entstehungsprozess eingebunden, vom Schreiben über Produktion und Veröffentlichung bis hin zu visuellen Aspekten wie Artwork und Videos.

Dasselbe gilt für Live-Arbeit. Von der Buchung über die Gestaltung von Auftritten bis hin zu Sound, Licht und der Einbindung weiterer Performer geht es immer darum, eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Wenn das gelingt, entsteht etwas, das nur kollektiv möglich ist.

Diese Erfahrung überträgt sich direkt auf meine kuratorische Arbeit. Auch bei einem Festival wie Uma Obscura beginnt alles mit einem Konzept. Anschließend geht es darum, die richtigen Künstlerinnen und Künstler zusammenzubringen, um ein Gesamterlebnis zu schaffen, das über einzelne Beiträge hinausgeht.

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Welche Verantwortung tragen erfahrene Kulturschaffende gegenüber jüngeren Szenen und neuen Initiativen?

Man sollte sich zunächst fragen, wie die Alternative aussehen würde. Welche Art von Zukunft schaffen wir, wenn wir uns abschotten, Türen schließen und anfangen, Zugänge zu kontrollieren? Wollen wir wirklich eine Zukunft, in der Menschen in der Kulturszene weniger Möglichkeiten haben als diejenigen, die bereits etabliert und erfahren sind?

Mit Erfahrung und Einfluss geht Verantwortung einher, aber auch Rechenschaft. Zu oft verhindert die Angst vor Machtverlust, dass neue Initiativen wachsen können. Viele Menschen mit Ressourcen und Einfluss könnten viel bewirken, wenn sie bereit wären, einen unbequemen Schritt zu gehen und Türen zu öffnen, die bislang verschlossen waren.

Es ist leicht, von „den anderen“ zu sprechen. Aber wer sind diese anderen eigentlich? Sind es wirklich jemand anders oder sind wir es selbst, du und ich? Veränderung entsteht nicht nur durch etablierte Akteure. Wie Tolkien schrieb, sind es die kleinen, alltäglichen Taten gewöhnlicher Menschen, die die Dunkelheit in Schach halten. Manchmal reicht eine Einladung oder ein ermutigendes Wort.

Gerade in alternativen Szenen und in der Basisarbeit sehe ich viele Menschen, die genau das tun. Sie investieren enorm viel, oft ohne Anerkennung. Dafür habe ich großen Respekt.

Vielleicht beginnt Verantwortung damit, sich daran zu erinnern, was einen selbst in die Kultur gebracht hat. Ich kann einige Menschen und Momente benennen, die für mich entscheidend waren. Wenn ich für jemand anderen eine solche Rolle spielen kann oder wenn mein Beitrag eine neue Initiative möglich macht, dann hat sich diese Arbeit gelohnt.

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Wenn du in die kommenden Jahre blickst: Was müsste sich ändern, damit unabhängige Kultur nicht nur überlebt, sondern ihre gestaltende Kraft behält?

Wenn ich visionär sein möchte, würde ich sagen, dass wir an einem Endpunkt der Art und Weise angekommen sind, wie die europäische Kulturpolitik in den vergangenen fünfzig bis siebzig Jahren umgesetzt wurde. Die grundlegenden Ideale gelten weiterhin. Kunst sollte vor direkter politischer Einflussnahme geschützt sein und provozieren dürfen. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass die bestehenden Systeme diese Ideale nicht mehr in einer Weise tragen, die der heutigen Realität von Kulturschaffenden entspricht.

Stattdessen sehen wir eine wachsende Spaltung. Auf der einen Seite stehen institutionalisierte Strukturen, auf der anderen zunehmend zugespitzte kommerzielle Kräfte. Dazwischen befindet sich ein großer Teil des kulturellen Feldes, für den es kaum noch tragfähige Unterstützungsstrukturen gibt. Früher reichten Fördermittel zumindest aus, um ein Überleben zu ermöglichen. Heute erleben wir den Zusammenbruch dieser Strukturen, begleitet von Gentrifizierung, Hyperkommerzialisierung und kultureller Polarisierung.

Deshalb stehen wir vor einem notwendigen Paradigmenwechsel in der Kulturpolitik, bei dem wir neu betrachten müssen, wohin die bestehenden kulturpolitischen Rahmenbedingungen führen. Es mag paradox klingen, aber wir müssen Kulturpolitik in den Blick nehmen, um unabhängige Kultur nachhaltig zu ermöglichen. Sogenannte Gegenkultur wird es immer geben, und Kunst wird weiterhin Normen infrage stellen und Widerstand gegen Unterdrückung ausdrücken. Das dürfen wir jedoch nicht als selbstverständlich betrachten. In einer funktionierenden Demokratie ist unabhängige Kultur essenziell für das Gleichgewicht. Sie erinnert uns an grundlegende Werte wie Kunstfreiheit, Meinungsfreiheit und Menschenrechte.

Wir müssen Bedingungen schaffen, die es ermöglichen, nicht nur an Kultur teilzunehmen, sondern auch von ihr zu leben. Das sollte das Ziel von Kulturpolitik sein. Wenn wir die Bedürfnisse des breiten Kulturbereichs ignorieren, steuern wir auf mehr Spaltung, Angst und Zensur zu.

Wir können den Kurs noch ändern, aber nur, wenn wir bereit sind, ehrlich und auch unbequem über die Folgen der aktuellen Kulturpolitik zu sprechen. Zu oft wird Kritik aus Angst abgewehrt. Diese Angst wirkt wie ein Torwächter, der große Teile der heutigen Kulturszene ausschließt. Unabhängig darf nicht gleichbedeutend mit ausgeschlossen sein. Wenn wir weiterhin so tun, als funktioniere das System, gefährden wir genau das, was wir schützen wollen.

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